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Wie eine Träne im Ozean

Kennen Sie „Carmignano“?

Wenn ja, dann sind Sie offenbar schon sehr gut mit den Feinheiten der italienischen Weinwelt vertraut. Dann wissen Sie vermutlich, dass dieser Toskana-Klassiker zu mindestens aus 50 % Sangiovese bestehen muss, aber auch Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Canaiolo, Mammolino und sogar 10 % weißenTrebbiano enthalten darf.

Es wird Ihnen vielleicht auch bekannt sein, dass das nach einem kleinen Dorf unweit von Florenz benannte DOCG-Gebiet Carmignano nur rund 110 Hektar umfasst, und dass nur 14 Weingüter diesen Wein produzieren. Gemessen an den Produktionsmengen von Chianti, Brunello oder Vino Nobile ist der Carmignano also eine „Träne im Ozean“ der Toskana-Weines.

Wenn Sie Carmignano noch nicht gekostet haben, dann lohnt es sich besonders, an dieser Stelle weiterzulesen und den größten und besten Erzeuger dieses Weins näher kennen zu lernen: die Tenuta di Capezzana.

Deren Senior-Chef, der heute 90-jährige Conte Ugo Contini Bonacossi, hat mehr als jeder andere dazu beigetragen, der kleinen Region 1975 den DOC-Status bzw. 1990 den DOCG-Status zu sichern. Heute führen seine Kinder den Betrieb: Vittorio ist für die Weingärten verantwortlich, Benedetta für den Keller, Beatrice für das Marketing und Filippo für die Olivenölproduktion.

Weinbau wird auf Capezzana seit dem Jahr 804 betrieben, die heutige Villa stammt aus der Früh-Renaissance. 1396 wurde „Wein aus Carmignano“ erstmals urkundlich erwähnt. 1716 erließ Großherzog Cosimo III. von Medici Dekrete, welche die Anbaugrenzen des Carmignano genau festlegten, Produktion und Handel mit diesem Wein regelten.

„Ohne es so zu nennen, wurde damit die erste DOC-Region der Welt geschaffen. Um 1900 hatte der Carmignano schon einen guten Namen, da war Chianti noch ein Neuling und Brunello existierte noch nicht einmal“, so Conte Ugo, dessen Familie seit 1925 auf Capezzana den Carmignano produziert.

Doch von Tradition allein kann man nicht leben, und so muss sich auch das altehrwürdige Weingut Capezzana den Herausforderungen der Zeit stellen. Ein wichtiger, zukunftsweisender Schritt wird derzeit vollzogen: die Umstellung auf biologischen Weinbau.

Bereits vor über zehn Jahren machte man einmal den Versuch, von konventioneller auf biologische Bewirtschaftung umzustellen. Doch das Unterfangen stand damals unter keinem guten Stern. Die mit einer derartigen Umstellung verbundenen Unsicherheiten, die große Fläche von 100 Hektar Weingarten und ein klimatisch denkbar ungünstiges Jahr multiplizierten sich zu einem Desaster.

Das Ergebnis des Versuches war mehr als ernüchternd: „Wir konnten damals nur den Barco Reale abfüllen“, so Beatrice Contini Bonacossi, also nur die einfachere, jüngere Version des Carmignano.
Den Ausfall eines zweiten Jahrgangs der großen, ebenso umsatzstarken wie prestigereichen Weine – wie Carmignano Villa Capezzana – wollte und konnte man wirtschaftlich nicht riskieren und brach daher die Umstellung auf biologische Bewirtschaftung ab.

Doch das „Trauma“ von damals ist bewältigt und man nimmt einen neuen, vielversprechenden Anlauf: „Wir arbeiten jetzt seit drei Jahren mit organischem Dünger, verzichten auf chemische Spritzmittel und sehen bereits, wie sich der Boden und die Reben verändern“, zeigt sich Vittorio, der Motor der neuen Entwicklung, begeistert. „Die Bodenqualität wird besser, unser spezifisches Terroir und dessen Einzigartigkeit kommt in den Weinen besser, weil reiner zum Ausdruck. Und, für mich persönlich ganz wichtig: Die Einstellung der Menschen, die mit dem Wein arbeiten, ändert sich.“

Zum Tempo der Umstellung meint er: „Wir gehen jetzt behutsam Schritt für Schritt vor, bewirtschaften die Weingärten zunächst einmal biologisch. Wenn sich das bewährt hat, möchte ich später konsequent weiter- und zum biodynamischen Weinbau übergehen “, so Vittorio.

Ihm kann es damit gar nicht schnell genug gehen, doch sein Bruder Filippo ist noch skeptisch.
Dieser hat, ebenso wie Conte Ugo, aufgrund der schlechten Erfahrungen gewisse Bedenken. Tochter Beatrice unterstützt ihren Bruder Vittorio und versucht, zwischen den „Parteien“ zu vermitteln: „Unser Vater hat den Körper eines 70-Jährigen und den Geist eines 30-Jährigen. Er ist offen für Veränderungen, aber er braucht Zeit. Wir müssen ihn nach und nach von den Vorteilen der biologischen Bewirtschaftung überzeugen – auch durch die verbesserte Qualität der Weine.“

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