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Gefühl und Verstand

Noch nie haben so viele Frauen so viele gute Weine gemacht: sind sie die besseren Winzer?

2005 erregte die Südafrikanerin Ntsiki Biyela Aufsehen in der Weinbranche – als erste schwarze Önologin der Welt. Damit war nicht nur die Geschlechter-, sondern auch die Rassenschranke beim lange Zeit männlich dominierten Beruf Winzer überwunden.

Längst vorbei die Zeiten, als Weinmachen und -trinken Männersache war, in exklusiven Herrenrunden dem guten Tropfen gehuldigt wurde und das weibliche Geschlecht auf die dekorative Rolle als Weinkönigin oder Fotomodell für Jungwinzerinnen-Kalender beschränkt war.

Immer mehr Frauen behaupten sich in der Weinwelt: als Studentinnen an Weinfachschulen, Weinjournalistinnen, Sommelièren.

Auch auf den Weingütern werden Frauen immer wichtiger, sei es als starke, nicht immer in die Öffentlichkeit drängende Frau hinter einem erfolgreichen Ehemann oder Vater. Sei es im Management oder immer häufiger in der Produktion – als Winzerin.

„Noch nie haben so viele Frauen so guten Wein gemacht“, so Joel Payne, Chefredakteur der Deutschland-Ausgabe des Weinführers Gault Millau.

Töchter, Ehefrauen, Schwestern
Manche Frauen übernahmen nach dem Tod des Vaters das Erbe, weil keine Söhne da waren, wie etwa Elisabetta Foradori, die das Weingut im Trentino bereits in jungen Jahren übertragen bekam. Sie führte in den letzten 25 Jahren praktisch im Alleingang den Teroldego zu ungeahnten Höhenflügen und widmet sich seit einigen Jahren auch dem von ihr mitaufgebauten Weingut Ampeleia in der Maremma.

Rosi Schuster aus dem Burgenland musste im Jahr 1979 als ältere von zwei Schwestern das kleine Weingut ihrer Eltern übernehmen, ohne viel gefragt worden zu sein. Sie behauptete sich und ging konsequent ihren Weg, der sie zur ersten Spitzenwinzerin Österreichs führte.

Andere erfolgreiche Winzerinnen wuchsen schon von Kindesbeinen an Schritt für Schritt in die praktische Arbeit auf dem Weingut der Eltern hinein, um schließlich gemeinsam mit dem Vater oder in Eigenverantwortung Weine zu produzieren, etwa Silvia Prieler im Burgenland oder Eva Clüsserath an der Mosel.

Sylyie Esmonin aus der Burgund pflegt Rebstöcke, die schon ihr Großvater gepflanzt hat und kann mit ihren Pinot Noirs nicht nur mit den besten männlichen Kollegen mithalten, sondern übertrifft viele davon sogar.

Regina Triebaumer aus dem Burgenland, Weinexpertin mit fundiertem Knowhow und internationaler Erfahrung, führte gemeinsam mit Alois Kracher die Fine Wine Trade im burgenländischen Gols, heiratete später den Winzer Günter Triebaumer aus Rust und steht ihm nun als kongeniale Lebens- und Geschäftspartnerin zur Seite.
Eine ganz eigene Geschichte hat Dorli Muhr aus Göttlesbrunn: Sie etablierte zuerst eine ausschließlich aus Frauen bestehende, erfolgreiche PR-Agentur für Wein in Wien und produziert seit einigen Jahren in Göttlesbrunn – unterstützt vom Portugiesen Dirk van der Niepoort – interessante, hochkarätige Weine aus Blaufränkisch.

Önologinnen & Managerinnen
Die Spanierin Ana Martín hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer der wichtigsten und einflussreichsten Önologen des Landes entwickelt. So berät sie etwa Castillo de Cuzcurrita im Rioja und produziert gemeinsam mit Maria Pinacho in der Region Cigales mit dem Traslanzas einen der interessantesten neuen Weine Spaniens.

Die gebürtige Schweizerin Barbara Kronenberg-Widmer brachte das von ihren Eltern in der Toskana gegründete Weingut Brancaia binnen kurzer Zeit an die Spitze der Chianti-Kellereien, hat sich von ihren Beratern inzwischen emanzipiert und ihren eigenen Stil gefunden.
Ihre Weine (Chianti Classico, Il Blue, Tre, Ilatraia) werden in Fachpublikationen hoch bewertet. So schaffte es der Tre zuletzt auf Platz 10 der „Top 100“ des Jahres 2009 im angesehenen Wine Spectator.

Frauen wie Carol Duval-Leroy oder Elisabeth Chartogne-Taillet sind nicht als Önologinnen, sondern als Leiterinnen ihrer Champagner-Häuser tätig, die zu den besten der Branche gezählt werden.

Andere wieder haben den Wein als „Zweitkarriere“ für sich entdeckt, wie etwa Silvia Imparato, die in Italien bereits eine namhafte Fotografin war, bevor sie sich dem Aufbau des Weingutes Montevetrano in der Nähe von Neapel widmete. Der von ihr produzierte gleichnamige Wein gilt als eine der Ikonen des modernen italienischen Weinbaus und fährt Jahr für Jahr höchste Bewertungen der Fachpresse ein.

Auch Virginie Saverys kam spät zum Wein als Beruf. Die gebürtige Belgierin, studierte Übersetzerin und Juristin, übernahm im Sommer 2009 das toskanische Elite-Weingut Avignonesi von den Falvo-Brüdern, nachdem sie schon in den letzten Jahren am Unternehmen beteiligt gewesen war. Saverys gab ihren bisherigen Beruf in der Reederei-Branche auf und zog nach Italien, um sich voll und ganz dem Weingut zu widmen.

Nicht weit entfernt, auf der Tenuta di Capezzana in Carmignano, führen ebenfalls Frauen Regie: Benedetta Contini Bonacossi ist für den Keller, ihre Schwester Beatrice für das Management zuständig.

Weiter südlich, in Sizilien, liegt die Leitung des Weingutes Planeta in den Händen von Francesca Planeta, die sich Aufgaben und Verantwortung mit ihren Cousins Santi und Alessio teilt.

Was machen Winzerinnen anders?
Wir sehen also: Frauen können sich in der Weinbranche behaupten und durchsetzen.

Aber: Was machen sie anders als ihre männlichen Kollegen?
Schmeckt der Wein von Winzerinnen anders – vielleicht sogar besser?
Erkennt man, ob ein Wein von einer Frau produziert wurde?Ist es deshalb erwähnenswert, dass dieser oder jene Wein von einer Frau gemacht wurde, eben weil es immer noch eine Ausnahme ist?
Oder sind all diese Fragen in 20 Jahren keine Diskussion mehr wert, weil dann jeder zweite Winzer eine Frau ist?

Weitgehende Überstimmung scheint darüber zu herrschen, dass sich Winzerinnen als sehr gute, sensible Verkosterinnen erweisen, feine Nasen und mehr Gefühl für Aromen zu haben scheinen als das Gros der männlichen Winzer.

Frauen wird gern ein genetischer Vorteil zugeschrieben, bei den Supertastern ist der Frauenanteil auch wesentlich höher. Wenn auch Erfahrung und Übung durch nichts zu ersetzen sind, scheint es dennoch so zu sein, dass Frauen anders verkosten: Sie philosophieren und „g’scheidln“ weniger über Weine, beurteilen dessen Qualität meist sicherer und schneller als viele Männer.
Diese analysieren, bepunkten, bewerten, kategorisieren. Frauen beziehen die Genussfähigkeit mehr ein. Mit ihrem emotionaleren Zugang halten sie sich kaum mit Endlosdiskussionen zum Thema Restzuckerwert oder Maischestandzeit auf.
Die Angst, sich zu irren, scheint bei Winzerinnen geringer, und ihre Fähigkeit – abseits von Punktelisten – zu begründen, warum ein Wein gut sei, dürfte besser ausgeprägt sein.

Teamwork & soziale Kompetenz
Winzerinnen sagt man häufig auch nach, dass sie besonders behutsam mit den Rebstöcken umgehen würden – vielleicht aufgrund weiblicher, auf Fürsorge und Beschützen programmierter Gene, Instinkt, Sanftmut, größerer Klug- und Bedachtheit?

Oder sind auch das wieder nur geschlechtsspezifische Vorurteile?

Winzerinnen setzen offenbar auch mehr auf Kooperation als auf Konkurrenz, mehr auf Teamwork als auf Einzelkämpfertum. Das zeigen verschiedene Vereinigungen, die ausschließlich Winzerinnen in ihre Reihen aufnehmen.

Als begnadete Netzwerkerin gilt etwa Heidi Schröck aus Rust im Burgenland. Sie war jahrelang Vorsitzende des Cercle Ruster Ausbruch, ist Lektorin an der Weinakademie, Mitglied bei den italienischen Donne del Vino und schloss sich mit zehn anderen Winzerinnen zum Club „11 Frauen und ihre Weine“ zusammen.

Deren Philosophie: „Winzerinnen, die erkannt haben, dass Gemeinsamkeit, Toleranz, Neugierde, Freundschaft und Herzlichkeit nicht nur wichtig sind, sondern fundamentale Tugenden für ein gelungenes Leben und Arbeiten darstellen....
Die Vision vom perfekten, großen Wein trägt jede von ihnen im Kopf und im Herzen ...“

Wesentliches Ziel der 11 Winzerinnen ist, neben dem Erfahrungsaustausch in der hohen Kunst der Produktion edler Weine, jungen Kolleginnen Mut zu machen, dass es im Beruf Winzerin eine Zukunft gibt.

Diese Wortwahl zeigt, dass neben fachlicher Kompetenz und Qualität offenbar auch viel Herz und soziale Kompetenz im Spiel ist, wenn der Wein in Frauenhänden liegt.
Vielleicht ist es die wohldosierte Mischung aus Gefühl und Verstand, die das spezifisch Weibliche beim Wein ausmacht.

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